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Die Angst der Trucker

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Die Angst der Trucker vor dem Überfall
Von Nikolaus Doll | Veröffentlicht am 27.12.2016 | N24 / Die Welt

Nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt warnen Spediteure vor unsicheren Lkw. Fahrer würden häufig Opfer gewaltsamer Attacken. Einen Truck in seine Gewalt zu bringen, sei kein Problem.

Der polnische Fernfahrer Lukasz U. war gut in der Zeit – zu gut. Das sollte ihn am Montag vergangener Woche das Leben kosten und seinen Lastwagen zu einer Waffe machen, mit der auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz elf Menschen getötet und mehr als 50 verletzt wurden.

Denn als der 37-Jährige am 19. Dezember gegen 9 Uhr morgens das Ziel seiner Tour erreicht, die Niederlassung von ThyssenKrupp am Friedrich-Krause-Ufer im Berliner Stadtteil Moabit, wird er abgewiesen. Es sei zu früh dran, die Ware könne nicht entladen werden, heißt es. U. soll am nächsten Tag wiederkommen.

Der Fernfahrer, der nach der Station in Berlin weiter nach Dänemark soll, hat also einen ganzen Tag verloren. Allein das ist schon ärgerlich. Denn U. wird wie viele seiner Kollegen unter permanentem Zeitdruck stehen. Doch was schlimmer ist: Der Trucker hat in den nächsten 24 Stunden Leerlauf und keinen anderen Rückzugsort als die Kabine seines stehenden Sattelschleppers. Diese Situation fürchten Fernfahrer.

Denn oft werden sie genau dann Opfer von Diebstählen oder Überfällen. „Viele Fahrer haben Angst. Selbst Parkplätze an den Autobahnen, auf denen die Kollegen Rast machen, sind vielfach rechtsfreie Räume“, sagt Karlheinz Schmidt, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Güterkraftverkehr und Logistik (BGL). Vor allem nachts lägen die Trucker für potenzielle Täter wie auf dem Präsentierteller. „Die Möglichkeiten, sich gegen Diebstähle und Überfälle zu schützen, reichen bei weitem nicht“, Schmidt.

Die Branche klagt seit Jahren über steigende Kriminalität

Lukasz U. hat nicht mal einen als solchen ausgewiesenen Rastplatz, auf dem er seinen Truck parken kann und auf dem er in Gesellschaft anderer Fernfahrer ist. Er lenkt seinen Sattelschlepper, nachdem ihn die Mitarbeiter von ThyssenKrupp vertröstet hatten, auf eine nahe gelegene Stellfläche am Südufer des Kanals zwischen West- und Nordhafen. Irgendwann zwischen 15.30 und 19.30 Uhr bringen dann nach jetzigem Kenntnisstand der mutmaßliche Attentäter Anis Amri oder mögliche Mittäter Lukasz U. und dessen Truck in ihre Gewalt.

Sollte sich U. von Anfang gewehrt haben, war er allein und ohne Hilfe. Sollte er in der Kabine seines Sattelschleppers Schutz gesucht haben, bot sie ihm keinen – wie vielen anderen Fernfahrern auch. „Es ist wirklich nicht schwer, sich so eines Lastwagens zu bemächtigen“, sagt Karlheinz Schmidt.

Die Branche, nicht nur der BGL, klagt seit Jahren über steigende Kriminalität gegenüber Fernfahrern. „Wir machen schon lange auf das Thema aufmerksam. Wir haben sogar dem Bundestag gemeinsam mit der Polizei eine Petition mit mehr als 20.000 Unterschriften übergeben, damit die Parkplätze sicherer gemacht werden. Aber nichts tut sich“, sagt Karlheinz Schmidt. Seit dem Jahr 2000 würde die Zahl der gemeldeten Diebstähle und Angriffe deutlich ansteigen.

 
Billiges K.o.-Gas aus Osteuropa

Die Liste der verschiedenen Delikte ist lang. Brummifahrer berichten davon, dass die Planen der Auflieger aufgeschlitzt und Waren gestohlen werden. Dass literweise Diesel abgezweigt wird. „Die Diebe machen sich dabei schon lange nicht mehr die Mühe, den Sprit abzusaugen. Die schlagen einfach ein Loch in den Tank und lassen den Diesel abfließen. Die Täter kommen sogar mit Kleintransportern, um den Kraftstoff wegzuschaffen“, sagt ein Branchenkenner. Bis zu 1400 Liter Diesel hat ein Sattelschlepper an Bord, der Klau lohnt sich also.

Quelle: Infografik Die Welt

Dass Flüchtlinge auf die Lastwagen aufspringen, um illegal an ihr Ziel zu kommen, klingt zunächst vergleichsweise harmlos. Doch sollte der Truck von der Polizei angehalten und durchsucht, und sollten dabei blinde Passagiere gefunden werden, steht zunächst der Trucker im Verdacht ein Schleuser zu sein – ein Vorwurf, den er widerlegen muss.

Doch inzwischen sind immer öfter die Fahrer selbst das Ziel der Täter. „Wir wissen von Fällen, wonach Kollegen bedroht und ausgeraubt wurden“, berichtet Karlheinz Schmidt. „Andere Täter schlagen zu, wenn die Fahrer schlafen. Sie leiten K.o.-Gas in die Fahrerkabinen und brechen die Tür auf, wenn der Fahrer betäubt ist.

Das Gas ist billig in Osteuropa zu beschaffen, und gegen Attacken wie diese nutzen auch Eisenstangen nichts, mit denen die Kollegen ihre Kabinen gegen eingewolltes Eindringen schützen“, so Schmidt. Die Fahrer wachen dann mit dickem Kopf auf und alle Habseligkeiten sind weg. „Manche Kollegen haben dann nicht mehr am Leib als ihre Unterwäsche.“

„Die Polizeipräsenz ist absolut lächerlich“

Auch die Entführung von Trucks samt Fahrern sei schon von Spediteuren gemeldet worden. So hätten die Täter erfolgreich versucht, die gesamte Ladung in ihren Besitz zu bringen. „Und all das passiert auf eigens dafür ausgewiesenen Rastanlagen an Bundesautobahnen“, so Schmidt. „Wir fordern deutlich mehr Kontrollen, mehr Präsenz der Polizei auf den Rastplätzen, mehr Streifen.“

Branchenvertreter kritisieren die Zustände auf den Truck-Stellplätzen in Deutschland seit Langem. Nicht gut ausgeleuchtet und zu klein, so dass die Fahrzeuge eng und unübersichtlich beieinanderstehen müssten, lautet das Urteil. Es würden Zäune fehlen, die es Unbefugten schwerer machen könnten, mit ihrer Beute über Waldwege zu verschwinden.

„Die Polizeipräsenz ist absolut lächerlich. Kaum eine Streife lässt sich jemals auf einer dieser Rastanlagen sehen“, so Schmidt. Unter den Brummifahrern geht das Gerücht um, dass beispielsweise im gesamten Bundesland Hessen nachts gerade mal zwei Streifenwagen für Kontrollfahrten auf den Autobahnen zur Verfügung stünden.


Die A4 ist eine Gefahrenzone

In Frankreich, Belgien oder den Niederlanden sei die Situation auf den Raststätten besser, die Anlagen seien größer, zum Teil bewacht, so Schmidt. Dafür würden in diesen Ländern die Gefahren auf den Strecken lauern. „Eine Zeit lang gab es so viele Überfälle, dass die Spediteure ihre Fahrer anwiesen, ab der deutschen Grenze bis zu den Rheinmündungshäfen nicht mehr anzuhalten“, so Schmidt.

„Belgien war über einen bestimmten Zeitraum ein Brandherd, da sind regelmäßig Trucks oder Ladung verloren gegangen.“ In Deutschland selbst sei die A4 eine Gefahrenzone, auf der häufig Übergriffe gemeldet würden. „Vor allem auf dem östlichen Teil dieser Autobahn. Die Täter schlagen dort zu und verschwinden über die Grenzen nach Tschechien oder Polen“, berichtet Schmidt.

Doch Rastanlagen bieten zumindest eine gewissen Restsicherzeit. Etwas Licht, andere Trucker in Rufnähe, die als Helfer oder Zeugen dienen könnten. Nur: Viele Brummifahrer schaffen es oft gar nicht auf die ausgeschilderten Stellflächen. Da sie Ruhezeiten einhalten müssen und empfindlich bestraft werden, wenn sie länger fahren als vorgeschrieben, halten die Fahrer häufig auf dem nächst besten Parkplatz an den Fernstraße oder in den Städten. „Da muss man nur austreten gehen und weg ist der Truck“, sagt Schmidt.

Die meisten der großen Trucks können zwar heute von ihren Spediteuren per GPS geortet werden. Aber wenn die ungewöhnliche Standzeiten oder ein Abweichen der vorgegebenen Route bemerken, gibt es kaum Möglichkeiten zu reagieren. So wie in dem Fall des Berliner Anschlags.

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